Familiengedanken

Samstag, 24. März 2018

Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm

Heute habe ich eine echte Überraschung erlebt: da lässt man die Kinder mal ein bisschen ihre Langeweile ausleben und bietet ihnen nicht ständig ein Programm, mit dem sie beschäftigt sind. Und was tun sie? Na klar. Kreativ sein. Erst mal maulen und jammern sie rum, dass sie nicht wissen, was sie tun sollen, aber dann ...

Meine Tochter (9) hat den Nachmittag über eine Geschichte geschrieben, die sie dann vorgetragen hat und mein Sohn (7) hat die Geschichte dazu mit selbstgebastelten "Schauspielern" als Tischpuppenspiel vorgespielt. Jede Menge Requisiten (Lavastrom, Lottogeschäft, Hasenhöhle, Krokodilhaus), liebevoll ausgeschnittene und verzierte Figuren.

Geschichten ausgedacht und auf diese Weise vorgetragen haben sie ab und zu schon mal gemacht. Was diesmal total neu war, war das Niederschreiben. Drei DIN A4 Seiten hat sie voll geschrieben:

Geschichte

Die Geschichte hatte alles, was eine Geschichte so braucht: Anfang, Mittelteil, Schluss, ein paar interessante Figuren (Hasenfamilie Grashobals und das Krokodil Jäckson, Biene Maja, Königin und König) Konflikte (Krokodil und Hasenfamilie streiten um einen Lottogewinn - zwei Magische Eier) en masse und ein paar echt witzige Passagen.

Und die Figuren waren echt süß. Am besten hat mir das Krokodil Jäckson gefallen

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Ich habe mir nur gedacht, das ist ja gigantisch, sie schreibt an einem Nachmittag mehr, als ich die ganze Woche schaffe.

Was soll man da sagen außer: Früh übt sich.

Dienstag, 13. Februar 2018

Der weinende Clown

Man kennt es ja, das Bild des Clowns, der sich hinter seiner Maske mit dem großen lachenden Mund und der roten Nase versteckt und eigentlich tief traurig ist. So fühlte ich mich ich den letzten Tagen auch. Die imaginäre Schminke dick aufgetragen, ein Lachen aufgemalt, und raus in die Welt.

Am Sonntag war Faschingsumzug angesagt. Meine Tochter hatte eine Bärenmaske über dem Gesicht, mein Sohn einen Totenkopf. Ich hatte nichts, mir war so gar nicht danach, ich hatte nur das mit imaginärer Schminke aufgemalte Grinsen. Mir kam die Fröhlichkeit auf diesem Umzug ähnlich aufgesetzt vor. Es war ein Versuch, fröhlich zu sein. Mir war, als sähe ich hinter die Fassaden und entdeckte dort so viel Ungelöstes, Trauriges, Nachdenkliches. Wenn man die Leute genau anschaut und sie nicht gerade in ein Gespräch mit den Kumpels verwickelt sind, wenn sie einige Sekunden irgendwo hinstarren und auf ihre Gedanken hören, kann man das sehen. Der Gesichtsausdruck wird ein anderer. Mit ein paar Flaschen Bier oder ein paar kleinen Feiglingen lässt sich das alles gut im Schach halten. Mir wäre auch danach gewesen, aber mit Auto und Verantwortung geht sowas natürlich gar nicht. Also habe ich dem Treiben mit unvernebeltem Geist zugeschaut. Wie so manches Mal bei solchen Gelegenheiten fühlte ich mich wie hinter Glas. Ich sehe alles, ich höre alles, aber ich kann nicht daran teilnehmen. Manchmal stehe ich dort und drücke mir die Nase platt und denke mir, dass ich doch nur einen kräftigen Schritt zu gehen bräuchte und schon stünde ich auf der anderen Seite der Glaswand, könnte mich in die Fröhlichkeit stürzen, die Leichtigkeit des Seins würde mich umwehen wie ein Hauch Sommerwind. Ich sehne mich danach, die Augen zu schließen und zu dem Wummern der Musik zu tanzen, ohne einen Gedanken an gestern, heute oder morgen zu verschwenden. Manchmal drehe ich mich um, lehne mich mit dem Rücken an das kalte Glas, höre das Treiben hinter mir und frage mich, was das eigentlich alles soll. Die Welt ergibt in solchen Momenten keinen Sinn.

Heute hatte ich eine meisterhafte Clownsmaske auf. Auch diesmal nur imaginär, aber sehr notwendig. Familienfeier des Geburtstags meiner Tochter. Es war eine schwere Geburt, diese Feier. Sonst haben wir diese Feste immer bei meiner Oma gefeiert. Sie war das Zentrum des erweiterten Familienlebens. Jetzt erschienen alle anderen Örtlichkeiten unpassend, fad. Aus diversen verschworbelten Gründen konnten wir nicht bei uns zuhause feiern, wir haben uns dann bei meiner Tante getroffen. Alles geplant, Krapfen, Kuchen, Kerzen, Geschenke. Alle da. Aber es waren eben nur zehn Leute, statt der sonst üblichen elf. Ich habe in meinem Kopf ständig mit elf Menschen gerechnet, mich ständig verzählt.

So viele Gesichter, die verwirrte und verirrte Trauer zeigten, blanke Nerven, dicht unter der Oberfläche brodelnde Hysterie. Leute, die sich, ebenso wie ich, die imaginäre Schminke mit Clowngrinsen dick ins Gesicht gemalt haben. Ewiges Gerede und Geschimpfe über das Haus-Drama, so viel Bitterkeit, so viel Gift und Galle. Bis mein Schwager und ich gesagt haben, dass wir absolut nichts mehr davon hören können und wollen. Dann war damit erst mal Ruhe.

Ganz neu, ohne die alte ehrwürdige Dame: die junge Generation hat das Handy an die Boxen angeschlossen und auf einmal war da Musik. Mitreißende Klänge, die einem in die Füße schießen und den Körper in Bewegung bringen. Ich saß da, habe gelächelt, mich im Takt der Musik ein wenig bewegt und wäre beinahe an dem verdammten Kloß im Hals erstickt. Nur gut, dass mich in dem Moment keiner angesprochen hat. Das hätte eine wahre Katastrophe gegeben. Wenn ich traurig bin, kann Musik der echte Killer sein ... Irgendwann habe ich mich von meinem Stuhl erhoben, ächzend ob der Schwere, die mich derzeit umhüllt, habe mir meine Tochter geschnappt und mit ihr getanzt. Bewegen, lächeln, nicht weinen, nicht weinen. Und wenn’s für sonst nichts gut ist, dann wenigstens für sie. Ein bisschen konnte ich die Schwere abschütteln. Als würden die Schritte hier hin und da hin die Gedanken durcheinanderwirbeln und sie auf eine andere Art und Weise wieder zusammensetzen. Neue Gedanken, neue Formationen.

Wir als Großfamilie tasten uns an eine neue, andere Zukunft heran. Anders muss es sein, notgedrungen. Wie soll es sein? Wie kann es sein, um allen halbwegs gerecht zu werden? Warum nur fällt mir der Abschied von dem Vergangenen so wahnsinnig schwer? Meine Füße fühlen sich an, als wären sie mit Betonblöcken versehen, die es mir, wenn auch nicht unmöglich, so doch sehr schwer machen, vorwärtszugehen. Irgendwas hält mich zurück. Lässt mich (noch) nicht los. Was ist das? Ich werde es herausfinden. Irgendwann. Und dann sollte der Weg nach vorne leichter werden. Bis es soweit ist, werde ich mir noch einige Packungen Schminke zulegen müssen.

Freitag, 9. Februar 2018

Freitagsblues der dritte

Home, sweet home

Home-sweet-Home

Nun denn, es ist wieder soweit, der nächste Freitag ist vorüber gegangen. Heute ist der Kloß nicht so schlimm, ich habe nicht das Gefühl, dass ich jeden Moment zusammenbreche. Ich schlage auch verbal nicht um mich, wenn mich jemand anspricht (trotzdem sehne ich mich nach Einsamkeit, um die Gedanken zu sortieren). Das ist immerhin gar nicht so schlecht.

Der schlimmste Moment heute, der Moment, der an meinem Herz gerissen hat, bis es zu schmerzen begann, war der erste Schritt hinein ins Haus. Von den Füßen genommen hat mich der Geruch. Der letzte Bote aus der Vergangenheit, der sich hartnäckig jeglichen Lüftens erwehrt hat, wurde brutal vertrieben. Zigarettenrauch gemischt mit stinkenden Schuhen statt der sanften Erinnerung an Omi. Zigarettenstummel im Garten. Meine Oma war überzeugte Nichtraucherin.

Ich finde es immer wieder faszinierend, wie sehr Gerüche doch Erinnerungsträger sind. Mich schüttelte es direkt, als ich das Haus betrat, ich fühlte mich nicht mehr daheim. Ich hätte genauso jede x-beliebige Wohnung betreten können. Es ist so bitter.

Oh Mann ...

Freitag, 2. Februar 2018

Immer wieder freitags ...

... erfasst mich diese verdammte Traurigkeit. Letzte Woche der Absturz, diese Woche atemraubende Traurigkeit. Ich meide das Haus meiner Mutter / meiner verstorbenen Omi so weit ich das kann. Freitags jedoch haben meine Kinder dort ihre Musikstunden. Ich kann sie ja wohl kaum an der Straßenecke absetzen und sagen, geht mal zu eurer Oma, macht eure Klavier- und Geigenstunde, ich hole euch dann hier wieder ab. Nein, das geht gar nicht. Ich gehe also da rein, jeder Schritt fällt mir so schwer, Kloß im Hals wächst und eigentlich will ich nur fliehen, mich in sicherer Entfernung verstecken, dann ist der Schmerz nicht so präsent, nicht so schneidend. Kinder abgeliefert, zum Einkaufen gefahren, zurück gekommen. Fremde Leute schleppen Sachen in die untere Wohnung.

Weg. Nix wie weg. Weg, weg, weg, weg, weg, schreit mein Gehirn. Und meint damit sowohl mich selbst als auch die Wohnung meiner Oma. Wo bist du nur, Omilein?

Cool bleiben. Mit Mum noch eine Tasse Tee trinken. Sie ist so allein, in diesem Haus mit lauter Fremden. Es ist herzzerreißend. Laute Musik von unten, es rumpelt, es kracht. Warum, warum, warum, warum, hämmert mein Hirn. Ich verstehe nichts. Als spräche die ganze Welt auf einmal Chinesisch und ich bin der einzige, der es nicht kann. Auch die Emails verstehe ich nicht, die herumgehen, die beweisen und belegen, dass die Angebote an einzugswillige Familienmitglieder eine Farce waren. Nichts als leere Worte. Ein Witz. Warum? Warum nur? Warum nicht gleich nein sagen? Wozu das Theater? Ein klares Nein am Anfang hätte ebenfalls einen ordentlichen Schock verursacht, keine Frage. Aber nicht ein so gewaltiges Erdbeben.

Cool bleiben also, was bleibt einem anderes übrig. Ich komme heim und ich kann mich nur mit größter Mühe davon abhalten, wieder in Tränen auszubrechen, so wie letzte Woche. Schweigen. Nicht reden. Bloß nicht reden. Fühle mich wie eine Statue hinter Glas, die Kinder springen und lachen, ich kann nicht. Möchte nur schreien. Oder nicht mal das.

Morgen muss ich fröhlich sein. Kindergeburtstag steht an. Oh Mann. Ich kriege meine Mundwinkel nicht mal dazu, ein Lächeln auch nur anzudeuten. Mir ist so gar nicht nach fröhlich. Aber eine Nacht schlafen, dann den alltäglichen "sei-stark-du-schaffst-das-schon"-Funktionsanzug überziehen und durch. Durch ... wie lange kann man das durchziehen?

Wie wird man diesen verdammten Monsterkloß im Hals nur wieder los? Gott sei Dank hindert der einen nur am Sprechen, nicht am Schreiben.

Sonntag, 28. Januar 2018

Absturz

Ich trage einen Nervenzusammenbruch in mir herum. Dieses tiefgreifende Flattern von Nerven, dieses unerträgliche Gefühl, der Umwelt mit all ihren Herausforderungen nicht mehr gewachsen zu sein. Meine Nerven flattern und meine Seele zerfällt, franst aus, verteilt sich als desintegriertes Etwas. Verloren. Ein Kloß steckt im Hals, Tränen lauern jeden Augenblick in den Augenwinkeln. Mein Körper fühlt sich an, als hätte er keine tragenden Knochen. Ein Haufen Elend.

Warum das alles? Ich habe lange reflektiert und nachgedacht und ich glaube, dass ich gerade wieder an einem intensiven Wegpunkt der Trauerarbeit angekommen bin. Ein weiteres Stück Abschied ist vollzogen, wenn auch nicht in seiner Gänze akzeptiert. Ich habe mit meiner Oma eine Bezugsperson verloren, die, so im Nachhinein betrachtet, die wichtigste Bezugsperson meines Lebens war. Sie hat mir immer und zu jeder Gelegenheit einen Ort gegeben, wo ich einfach sein konnte. Zu jedem Augenblick war sie mit einem offenen Ohr anwesend, man konnte zu ihr kommen, einen Pott Tee kochen und zur Ruhe kommen. Oder sich auskotzen. Einen Rat abholen. Einfach nur reden. So war das immer. Als Kind und Jugendliche habe ich sie als jemanden erlebt, der Stütze gab, wo Chaos herrschte. Sie hatte immer ein Licht parat für dunkle Tage. Sie hat es geschafft, für mich ein Refugium zu sein. Ein Schutzraum, wo man für ein paar Stunden dem Sturm entkommen konnte.

Ich habe, so wurde es mir schmerzlich bewusst, nicht nur das verloren. Auch der Ort, der physikalische Ort, dieses Haus, diese Wohnung, ist jetzt vergangen. Ich möchte nicht auf die unsäglichen Dinge eingehen, die in den letzten Wochen und Monaten passiert sind. Denn sie sind unsäglich, unbeschreiblich, die Axt dieser Geschehnisse treibt ihre Klinge tief in hinein in mein Nervensystem. Aber dieser Ort der Ruhe ist jetzt verloren. Natürlich hat er sich in den letzten Monaten Stück für Stück aufgelöst, Buch um Buch, Möbelstück um Möbelstück, Inventar, Instrumente, CDs, Noten, eins nach dem anderen ist verschwunden. Die Einheit ist zerrissen, ausgefranst. Allein der Geruch hängt noch in der Luft wie ein sanfter Bote aus der Vergangenheit.
Jetzt ziehen dort also irgendwelche Leute ein – ja, das ist der Lauf der Dinge – aber diese irgendwelchen Leuten wurden einzugswilligen Familienmitgliedern explizit bevorzugt. Und das muss der Lauf der Dinge nicht sein. Der Wille meiner Oma wurde missachtet, in die Mülltonne getreten. Jetzt liegt sie ja unter der Erde, da kann man es ja machen. Es ist ein so tiefer Schmerz, den dieser letzte Vollzug des Abschieds schwarz auf weiß sichtbar macht, dass ich nicht weiß, wie damit umgehen. Es hätte anders sein sollen – so war es der ausdrückliche Wunsch – diesen wunderbaren Ort in der Familie halten, das war das Ziel. Verloren. Paradise lost. Und Verluste schmerzen, manche mehr, manche weniger. Dieser zerbricht meine Seele. Und ich habe keine Ahnung, wie ich die pulverisierten Überbleibsel dieser Explosion je wieder aufsammeln und zusammensetzen soll. Es erscheint mir so herkulesmäßig, schier unmöglich. Mir fehlt jede Kraft.

Ein weiterer Schritt der Trauer. Ein schwerer. Ich dachte, es müsste besser werden. Ich befürchte, nach unten ist noch jede Menge Luft.

Mittwoch, 24. Januar 2018

Happy Birthday Omi

Der heutige Tag steht ganz im Zeichen meiner lieben Oma, verstorben letzten Sommer ... denn es ist ihr Geburtstag. Heute wärst Du 90 Jahre alt geworden, Omilein. Wir vermissen Dich noch immer ganz schrecklich.

Omi

Hier bist Du an Deiner und E-s Geburtstagsfeier vor zwei Jahren. Meiner Tochter gruselt es schon die ganze Zeit vor ihrem Geburtstag, weil sie den jetzt alleine feiern muss. Ganz ohne Dich. Und das findet sie total blöd.

:-((((

Ich hebe mein Glas zu Deinen Ehren! Ach was, kein Glas. Eine Tasse Tee. Wie oft haben wir zusammen Tee getrunken. Dir zu Ehren eine Tasse Tee.

Freitag, 21. November 2014

The Black Dog

Wir haben einen neuen Hausbewohner. Einen blinden Passagier, um genau zu sein. Ungebeten ist er in unser Leben getreten, hat sich durch irgendeine Hintertür heimlich hineingeschoben.

Seine Präsenz war niemandem klar, er schlich durch unser Lebenshaus, hinterließ kleine Schatten hier und da. Was ist schon ein kleiner Schatten? Der fällt nicht weiter auf, so viele Dinger hinterlassen Schatten. Flüchtige oder bleibende.

Unser neuer Mitbewohner hat angefangen zu bellen. Ganz selten zuerst, kaum wahrnehmbar. Dann lauter und öfter. Aber auch hier blieb er unentdeckt. Bellen einen nicht so viele Lebensumstände an, muss man sich nicht oft genug die Ohren zuhalten und weiter gehen? Der Mensch gewöhnt sich erstaunlich schnell an neue Umgebungsgeräusche, hört sich nicht mehr, obwohl sie da sind.

Dieser blinde Passagier ist ein Meister der Verwandlung, sein Erscheinungsbild ist vielfältig, schwer erkennbar und flüchtig. Er will auf keinen Fall enttarnt werden.

Er begann, größer zu werden, uns in verschiedene Ecken des Zimmers zu drängen, so dass wir uns kaum noch hören und verstehen konnten. Er hielt jeden, der vorwärts wollte, am Hosenbein fest und stemmte alle Viere in den Boden. Er kroch in unsere Köpfe und verdunkelte unseren Blick. Er generierte Angst, Paranoia und Panik in ungekanntem Ausmaß.

Wir entdeckten ihn erst, als er so groß war wie unsere gesamte Wohnung. Nein, so groß wie unser Leben. Es war keine Bewegung mehr möglich. Da saß er, auf der Brust meines niedergestreckten Mannes und drückte ihm die Luft ab, raubte ihm den klaren Verstand, die Lebensfreude. Er verbreitete unsägliche Verzweiflung.

Auf einmal verstand ich: wir hatten THE BLACK DOG im Haus. Schnelles Handeln war notwendig. Habe Ehemann samt Black Dog ins Auto bugsiert, habe mich von Zähnefletschen, Knurren und Bellen nicht beeindrucken lassen. Hilfe musste her, von jemandem, der sich mit the Black Dog auskennt. Uns sagen konnte, wie wir ihn wieder loswerden.

Und dann waren sie weg. Mein Mann und der Black Dog. Hinter zwei Glastüren verschwunden. Ich ging heim, mit Traurigkeit und Verzweiflung im Herzen. Die Wohnung schien so leer. Ich suchte sie nach black-dog-Spuren ab, beseitigte sie, versuchte meinen eigenen Kopf zu reinigen von diesem Unwesen. Jedes Treffen mit meinem Mann und damit dem black dog barg die Gefahr der Ansteckung. Ich redete von Welten ohne Black Dog, von Fröhlichkeit, von Zukunft, von Zuversicht, davon dass es richtig war, dem Black Dog an den Kragen zu gehen. Musste es immer wieder wiederholen. Ich musste stark sein, mich selbst nicht vergessen, dem Sumpf fern bleiben. Abgrenzung. Bis hier und nicht weiter. Den Black Dog an seinen Platz verweisen. Harte Arbeit.

Er ist geschrumpft. Er mag es nicht, wenn man ihm auf die Spur kommt. Wenn man seine Machenschaften durchschaut und sie nicht mehr zu lässt. Wenn man über ihn redet. Er ist handzahmer geworden. Er lässt sich an die Leine legen und bellt nicht mehr so laut.

Sie sind wieder daheim, Ehemann und Black Dog. Wir arbeiten daran, ihn loszuwerden, diesen unlauteren Gesellen. Vielleicht schaffen wir es. Vielleicht bleibt er aber auch bei uns. Dann aber nur angeleint und hoffentlich streicholzschachtel-klein. Das ist das Ziel.

Sonntag, 3. August 2014

Neue Mitbewohnerin

Wir haben seit gestern Nachmittag eine neue Mitbewohnerin. Gestern, als hier die Welt unterging, als es einen Blitzbum nach dem anderen gab, das Haus nebenan vor lauter Regen nicht mehr zu sehen war, da ist sie zu uns gekommen. Katja. Das besondere an Katja ist, dass meine Tochter und ich für ein halbes Jahr gemeinsam daran gearbeitet haben. Schnittmuster suchen, größer kopiere, ausschneiden, Stoff suchen, und los geht's. Ich bin ja so überhaupt keine handwerkliche Koryphäe, also ganz schlimm ist das. Aber wir haben gesteckt, genäht, geschnitten und dann wurde sie fertig. Der Körperbau ist nicht immer ganz symmetrisch, aber dafür ist Katja heiß geliebt. Und ich bin stolz wie Oskar, dass ich meiner Tochter eine Puppe genäht habe.

Katja1

Dienstag, 27. Oktober 2009

Die Theorie der Verdrängung

Ihr kennt das sicher, wenn man einen Stein in ein volles Glas Wasser wirft, dann schwappt das Wasser über. Ganz einfach, Verdrängung.

Ich erlebe diese Phänomen tagtäglich daheim. Mit einer Außnahme: Das Objekt, das verdrängt, dehnt sich aus. So kommt es mir zumindest vor. Es geht um meine Tochter und das Bett. Man sollte meinen, so ein kleines Menschlein braucht nicht viel Platz und man kann problemlos zu dritt in einem 1,80 Meter breiten Bett schlafen. Das täuscht! Bei uns geht das so: Die Kleine kommt zu uns, alles schön und gut, sie liegt brav in der Mitte. Alle schlafen. Dann dreht sich die kleine Madame auf den Rücken und streckt beide Arme aus. Ich rutsche, kann nur noch auf der Seite liegen. Dann rollt Madame in meine Richtung. So nach dem Motto: Mama, wo bist du denn???? Dann kommen wieder Hände (oder Beine), treten, schubsen in meine Richtung. PLATZ DA!!!! Ich ruschte. Meine Hinterseite schwebt schon über dem Abgrund. Noch ein Stoß. Ich kralle mich am Leintuch fest, um nicht rauszufallen. An Schlafen ist nicht mehr zu denken. Ich erwäge, mich in ihr Gitterbett zu legen. (Mist, zu klein). Oder am Fußende zusammenrollen? Wäre ein Versuch wert. Ahhh! Madame dreht sich um, rollt in die andere Richtung. Da wäre ja auch noch jemand, den man aus dem Bett verdrängen kann. Heimlich stehle ich mich zurück an meinen alten Platz. Schlafen... bis ich wieder dran bin.

Donnerstag, 31. Januar 2008

Musikerfamilie feiert 80. Geburtstag

Meine Oma ist letzte Woche 80 geworden. Wir haben feste gefeiert. Und wie genau muss man sich einen so wichtigen, runden Geburtstag einer 80-jährigen Musikerin vorstellen? Diese Frage ist eigentlich ganz einfach zu beantworten: Es wird Musik gemacht. Was auch sonst.

Schon Wochen vorher hat die ganze Familie diverse Noten in die Hand gedrückt bekommen. Das will sie gespielt haben, und jenes, und dieses, und überhaupt! Dies und das wäre auch noch ganz nett. Also gut. Da die ganze Family in halb Europa verteilt lebt, gibt es natürlich keine Proben vorher. Aber was soll's, wir sind alle irgendwie Profis - oder auch nur Möchtegern-Profis - und werden das Kind schon schaukeln. Wir spielen ja nur für uns.

Um 11 Uhr geht's los. Es sind einige Leute da. Alles Family. Oder ehemalige Schüler, die bei uns ein und aus gehen, als wären sie Family. Wir spielen das Klarinettenquintett von Mozart. Schön. Sehr schön. Meine Oma sitzt in ihrem Sessel und hört uns gebannt zu. Den zweiten Satz will sie selbst spielen. Ich überlasse ihr meinen Platz in der zweiten Geige. Und höre zu. Schiefe Töne, gerade Töne, gruselige Töne, schöne Töne. Mein Schwesterherz trudelt ein mit ihrem Jüngsten, der gerade mal 5 Wochen alt ist. Der guckt ein wenig verdattert, als er dann aufwacht. So viel Lärm.

In der Pause schleicht meine Cousine mit ihren Mathe-Büchern herein und stiehlt mir meine bessere Hälfte. Hilfe, ich schreibe eine Mathe-Schulaufgabe, steht in ihren Augen geschrieben. Kannst du mir helfen? Wir lassen die beiden ziehen - und sehen sie stundenlang nicht mehr.

Nach Kaffee und Kuchen geht es weiter mit Musik. Bach, 3. Brandenburgisches Konzert. Jetzt sind wir so viele Leute, dass wir stehen müssen, weil wir sonst nicht alle Platz haben. Das ganze Wohnzimmer ist gesteckt voll mit Streichern. 4 Celli, 3 Bratschen, viele, viele Geige. Auch wenn es die Besetzung nicht vorsieht, haben wir noch eine Klarinette und eine Querflöte. Wow! Es geht los. Manch ein Schulorchester klingt besser. Aber keines hat so viel Spaß wie wir. Und Klein-Levin liegt in den Armen einer Nicht-Spielerin und schläft. Musik? Stört mich nicht. Darf es auch nicht, Kleiner, immerhin bist du zur Hälfte aus einer Musikerfamilie. Der Ältere vom Schwesterherz ist krank und kann nicht dabei sein. Schade. Er wäre glückselig zwischen den ganzen Geigen hin und her gelaufen und hätte auf jede gedeutet und "ha-ha" gesagt. Das heißt Geige auf Simonisch. Mir hat er gefehlt, mein kleiner Neffe, der seit Levins Geburt auf einmal der Große ist.

Wir sind durch mit Bach, ohne Adagio-Kadenz (obwohl ich die sogar geübt hatte - und extrem schön finde). Tolles Stück, würde es gerne nochmal spielen. Aber es geht weiter. Hopp, hopp, es steht noch einiges auf dem Programm. Meine Tante verteilt neue Noten. Eine Bearbeitung (von ihr) des Marche Militaire von Schubert. Sehr cool. Ich kenne das Stück nur für vierhändiges Klavier. Aber das macht mal Spaß zu spielen.

Nach einer kurzen Pause wird es ernst. Meine Freundin und ich spielen - geübt und ganz ernsthaft - den zweiten Satz aus der G-Dur Sonate von Brahms. Meine Oma hat es sich gewünscht und wir haben lange daran geprobt. Es läuft richtig gut. Wow!

"Was ist mit Brahms - Ungarischem Tanz Nr. 1?", fragt meine Freundin dann. Zugabe wäre nicht schlecht. Mist, hat keiner dran gedacht, die Noten liegen daheim. Und hier hat sie keiner. Pech gehabt.

Macht aber nix, wir gehen über zum nächsten Programmpunkt. Mozart: Kleine Nachtmusik. Wieder eine abenteuerliche Besetzung. Mit Querflöte und Klarinette neben den ganzen Geigen. Und vier Celli.
"Wir spielen euch in Grund und Boden", schreit meine Schwester und lacht. Pah, denken wir Geigen uns. Wir sind in der Mehrzahl. Es klingt zum Teil schaurig, aber alle sind dabei, sogar meine Oma hat die Geige in der Hand. Noch einmal spielen, auch wenn's weh tut.

Dann kommt das Buffet. Auch aus der Familie. Irgendein Verwandter hat einen Party-Service und fährt groß auf. Mmmh. Lecker. Tolle Sachen. Erst kriege ich nicht viel ab, weil ich Klein-Levin herum trage, damit er was zu sehen kriegt von der Welt. Aber wir bezwingen das Buffet nicht, jeder darf noch was mit nach Hause nehmen.

Musikalisch wird es lustig. Sechshändiges Klavier. Klasse. Die drei Spieler kommen sich ganz schön in die Quere mit den Händen. Und mit dem Notenlesen ist es auch nicht so leicht. Hilfe, wo muss ich nun hinschauen? Wo geht's weiter. Hier! Ach so. Die Spielerinnen lachen mindestens so wie das Publikum.

Eine ehemalige Schülerin meiner Oma packt das Bach d-moll Konzert für zwei Violinen aus.
"Muss ich unbedingt mal gescheit spielen", sagt sie, "weil im Orchester, wo ich gerade bin, da spielen zwei so Krücken die Solo-Stimme, das macht mich fix und fertig."
Bach ist super. Wir suchen uns eine Pianistin und jemanden für den Continuo und los geht's. Es steht nicht ein Fingersatz in den Noten, geschweige denn Striche oder sonst irgendwas, was hilfreich sein könnte. Aber macht nix. Wir kommen durch, ohne rauszufliegen. Das ist die Hauptsache. Meine Oma schlägt die Hände über dem Kopf zusammen ist und hegt Fluchtgedanken. Dieses Stück haben SEHR viele Schüler von ihr gespielt.

Am Schluss sitzen wir nur noch beisammen und ratschen. Voll zufrieden, weil wir alle mal wieder richtig viel Musik gemacht haben. Und für die nächsten Wochen sind schon ein paar neue Kammermusik-Pläne geschmiedet worden.

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