Lebensgedanken
Ist es überhaupt möglich, tiefgreifende Dankbarkeit in Worte zu fassen? Dieses Gefühl, vor einer höheren Instanz auf die Knie gehen zu wollen, sich verneigen zu wollen. Danke sagen zu wollen, danke dafür, dass alles so ist wie es ist und nicht anders. Mich überkommt dieses Gefühl hin und wieder so sehr, dass ich gar nicht weiß, wohin damit. Ich halte inne und bin zutiefst dankbar. Ein sehr ergreifendes Gefühl.
yvseit - 21. Mai, 14:38
Da ist es wieder, dieses unglaubliche Gefühl, das Richtige zu tun. Und wenn man das Richtige tut, dann fühlt man sich einfach gut. Ich habe beschlossen, meine durchaus vorhandenen, aber doch etwas vergrabenen Russischkenntnisse wieder aufzupolieren. Diese Woche war ich in der ersten Russischstunde. Und ich habe es geliebt. Meine Ohren haben sich gebadet in den klangvollen Wörtern und Sätzen. Meine Zunge hat sich sehr bemüht, diese passend nachzuahmen - mit mehr oder weniger Erfolg. Und mein Hirn hat gemerkt, dass es da vergrabene Schätze gibt, die man vielleicht, vielleicht aktivieren könnte. Es war gigantisch. Sechs lange Jahre habe ich mich von dieser Sprache fern gehalten. Keine Zeit, zu viel Arbeit, stand auf der Prioritätenliste ganz weit unten, viel zu mühsam. Was für ein Fehler! Es macht einfach nur Spaß, sich damit wieder zu beschäftigen. Das sollte mir eine Lehre sein.
yvseit - 11. Aug, 23:11
Man mag es kaum glauben, aber ich hatte (und habe) ein paar völlig ruhige Tage. Nach meinem etwas turbulenten Leben der letzten Wochen und Monate ist das ein ganz ungewohntes Gefühl. Ich kann mich ohne schlechtes Gewissen in die Sonne legen, oder in den Biergarten gehen, oder ein Buch lesen. Natürlich habe ich Dinge zu tun, aber ich weiß, dass sie nicht stante pede passieren müssen, dass es reicht, wenn ich in einer Stunde damit anfange.
Ich fühle mich frei, frei von der selbstauferlegten Fremdbestimmung, die zu viel Arbeit mit sich bringt.
Frei das zu tun, was mir gerade gefällt.
Und das schönste, frei einmal nichts zu tun. Das ist eine schwere Übung, das Nichtstun, finde ich. Mein Gehirn ist so darauf gepohlt mir anzuschaffen, was als nächstes noch zu tun ist, dass es das auch tut, wenn gerade gar nichts wichtiges ansteht. Mir fällt es schwer, nicht darauf zu hören. Hin und wieder gelingt es mir.
Ist das Leben nicht schön?
yvseit - 30. Apr, 11:15
Ich hasse Hausarbeit. Dieses stupide Wiederholen blödsinniger Tätigkeiten wie staubsaugen, Wäsche waschen, aufräumen, putzen und dergleichen war mir schon immer ein Gräuel. Seit ich denken kann habe ich nur das sysiphushafte an dieser Arbeit gesehen, mehr nicht. Okay, man hat es hinterher schön. Aber für wie lange? Warte ein paar Tage, und der ganze Aufwand war völlig umsonst. War es nicht irgendwie so, dass Ordnung ganz unnatürlich ist, und Moleküle (oder Atome?) sich größtmöglich verteilen? Oder so ähnlich. Bei uns ist das definitiv der Fall.
Es gibt hin und wieder so ein paar seltene Momente in meinem Dasein als erwachsener Mensch, wo ich mich an der Hausarbeit erfreuen kann. Am Geschirrspülen zum Beispiel. Dieses meditative Hin- und Herwischen in den Tellern hat etwas Beruhigendes, etwas Sanftes, Tröstendes. Heute habe ich es genossen. Ein bisschen schönen Musik im Hintergrund und ich alleine mit meinen Gedanken. Ich konnte sie auf die Reise schicken, irgendwohin in die Weiten der Welt. Meiner Welt. Sie haben Probleme gewälzt, mir ein paar Ideen gegeben, Lösungen vielleicht sogar, es wird sich zeigen. Es war schön.
Dann werde ich mich jetzt an die Bügelwäsche machen. Vielleicht findet sich da auch der eine oder andere meditative Moment.
yvseit - 15. Jan, 20:50
Ich wünsche allen meinen lieben Freunden und Lesern meines Weblogs ganz frohe Weihnachten. Ich hoffe, ich kann euch weiterhin mit Gedanken aus meinem Leben erfreuen. Ihr habt mich alle so treu durch das vergangene, höchst ereignisreiche Jahr begleitet. Danke dafür.
yvseit - 27. Dez, 10:01
Ich finde Krankenhäuser unheimlich. Diese riesigen Gebäude voll mit Menschen und Räumen und Gerätschaften, von denen ich nichts verstehe. Dieser bestimmte Geruch, die beruhigenden Bilder an den Wänden. Der Handlauf. Alles schön und modern, und dennoch so unheimlich.
Am schlimmsten ist es, wenn ein geliebter Mensch zwischen den weißen Laken liegt, selbst so weiß, dass man ihn kaum sieht. Überall hängen Schläuche heraus, sind Zugänge gelegt. Verkabelt, verkoppelt, angeschlossen an Maschinen. Überwachung. Es piepst, es gurgelt, es brummt und zischt. Unheimlich. Es ist so unheimlich. Ich habe immer das Gefühl, kaum begibt man sich in deren Hände, kommt man als anderer Mensch wieder heraus. Irgendwie geläutert. Eine Schwester wuselt herum und ich weiß, dass dies keine Aufgabe wäre, die ich machen könnte.
Irgendein Wert wird nicht richtig gemessen. Die Maschine fängt an zu piepsen, dass man selbst gleich einen riesen Schrecken bekommt. Geht das die ganze Nacht so?, frage ich mich.
Aber ja.
Drei Knöpfe drücken, nochmal messen. Aha, jetzt funktioniert es. Ruhe für eine Stunde.
Ich bin froh, als ich das Gebäude hinter mir lassen darf und wieder in die Welt der Gesunden zurückkehre. Auf dass es möglichst lange so bleibt...
Aber nur zur Beruhigung... meinem geliebten Menschen geht es einigermaßen gut und er darf bald wieder nach Hause. Morgen, wenn es nach ihr geht.
yvseit - 26. Nov, 19:55
Manchmal geht das Leben sehr interessante Wege und vieles, was einen in der Jugend als Schreckgespenst verfolgt, entpuppt sich später als etwas ganz anderes.
Ich war heute auf dem Herbst-/Weihnachtsfest von meiner ehemaligen Schule. Aus einer Laune heraus haben meine Schwester und ich beschlossen, dort hin zu gehen. Ich war lange nicht mehr dort, liegt doch mein Abitur schon fast 10 Jahre zurück. Ich habe kaum Kontakt zu irgendwem aus dieser Zeit. Ich bin damals fast geflohen, habe alles zurück gelassen und ein neues Leben begonnen. Ich wollte keinen Kontakt, ich wollte jemand anderes sein. Noch heute überkommt mich aktive Unlust, wenn ich mich in irgendeiner Weise an Ehemaligentreffen oder solchen Dingen beteiligen soll. Ich könnte nicht einmal genau benennen warum. Ich hatte eine gute Schulzeit.
Heute bin ich zurück gekehrt in meine Jugend, bin durch meine alte Schule gewandert und habe sie wirken lassen. Vieles ist anders, vieles ist neu, manches ist gleich gelieben. Nun, es ist ein vertrautes Gefühl, durch Gänge und Räume zu wandern, die dreizehn Jahre Lebensinhalt waren. Wie sollte es auch anders sein. Dennoch wurde ich nicht von Gefühlen überfallen. Vielleicht lag es daran, dass meine Schule anders riecht. Der Geruch ist ein unglaublicher Erinnerungsträger, und meine Erinnerung konnte sich mit diesem Geruch nicht identifizieren. Zu viel ist neu gemacht worden, roch frisch und so gar nicht nach dem Schulmief, der sich in meinem Kopf festgesetzt hat.
Ich habe nur wenige Leute getroffen, die ich kannte. Ein paar aus meiner Klasse, ein paar Lehrer. Die meisten wussten meinen Namen nicht mehr, man möge es ihnen verzeihen, nach all den Jahren und all den Schülern. Lehrer, die mir früher wirklich nahe waren, die ich geliebt und bewundert habe, fragen heute keine zwei Sätze mehr als "wie geht's", zeigen kein Interesse an einem Gespräch. Huschen an einem vorbei und verschwinden. Wo ist ihre früher so ehrliche Anteilnahme geblieben?, frage ich mich etwas verwundert.
Einer wusste meinen Namen. Er war mir verhasst gewesen, damals. Nein, verhasst ist das falsche Wort. Er war mir fern gewesen, ich hatte immer das Gefühl, zu ihm kann ich keine Beziehung aufbauen, so wie es mir mit allen anderen Lehrern immer gelungen ist, im positiven oder auch negativen Sinne. Er war unerreichbar, kühl, unnahbar. In einer anderen Welt hiner einer Glasscheibe. Er war in gewisserweise ein Schreckgespenst meiner Jugend. Ich habe noch das Gefühl der Anspannung in mir, das mich überkam, wenn ich wusste, dieser Unterricht steht an.
Wir haben uns nicht sonderlich gemocht. Das zumindest war mein Eindruck. Ich habe sein Fach nicht als Leistungskurs gewählt, weil ich das Gefühl hatte, seine "Kühlschrank"-Art nicht jeden Morgen aushalten zu können. Und das, obwohl ich das Fach liebte, und seinen Unterricht heute mehr den je zu schätzen weiß.
Wir haben uns bestimmt eine Stunde lang unterhalten, auf einmal war die Beziehung da, die mir zu Schulzeiten gefehlt hat, dieses ehrliche Interesse am Gegenüber. Ich habe ihn schon früher ein paar Mal zufällig getroffen, und schon da war unser Verhältnis wie kontrastiert zu allem schon dagewesenen. Unsere Fehde hat sich schon sehr bald nach meinem Abschluss in luftleeren Raum aufgelöst. Kaum hatten wir die Prüfungen überstanden, war er anders. Wir waren keine Schüler mehr. Er musste uns nicht mehr auf Distanz halten. In dem heutigen Gespräch habe ich so deutlich wie selten gemerkt, wie aus einer Schüler-Lehrer Beziehung etwas anderes wird, ein Miteinander auf gleichem Niveau.
Ich freue mich über diese Begegnung, und ich freue mich sehr, dass es noch jemanden gibt, der sich an mich erinnert. Sich wirklich erinnert. Vielleicht genau wegen dieser so seltsamen Beziehung, die wir zu Schulzeiten immer hatten.
yvseit - 18. Nov, 18:05
Wie setzt man sie, seine Prioritäten, wenn einem immer das, was man gerade macht, am wichtigsten erscheint? Wie kann man unterscheiden zwischen "das ist mir wichtig" und "das ist mir sehr wichtig"? Wenn ich Geige spiele, ist die Musik meine Welt. Ich möchte auf ewig baden in den Tönen und Klängen, die mich so sehr berühren. Bin ich am Schreiben, möchte ich für immer in den Worten aufgehen, endlich alles, was in mir steckt, herausströmen lassen. Wenn ich lektoriere, konzentriere ich mich stundenlang auf Fehler verschiedenster Art und erfreue mich daran, wie viel schöner der Text klingt, wenn er fertig ist. Und wenn ich in meiner Arbeit bin, dann gehe ich auf in dieser Welt von Sprachen und Nationalitäten, die mir so viel wieder gibt.
Die Tage sind zu kurz für meinen Tatendrang.
yvseit - 14. Nov, 23:03
Ein kleines, fast unmerkliches Lächeln, ein Hallo, wie so viele Hallos davor und so viele danach. Eine flüchtige Berührung, ein Zusammentreffen von Individuen für eine Sekunde, oder nur einen Bruchteil davon. Eine Sekunde, die schnell vergeht und lange währt. Ein Augenblick, der sich in meine Seele brennt, wie so viele andere Augenblicke, die mein Leben bereichert haben. Für immer, oder nie wieder. Wer weiß das schon. Der Zauber fällt, die Welt dreht sich weiter. Bis zum nächsten magischen Moment.
yvseit - 9. Nov, 22:27
Es ist nicht gut, wenn du vor einem Lahmen herhinkst, und es für Freundlichkeit hältst.
Dieser Satz stammt von Erhard Freitag und ich muss schon die ganze Zeit darüber nachdenken, wie recht er doch hat. Passiert es nicht ständig im Leben, dass man irgendwelche tiefen Wünsche nicht verwirklicht, weil man auf irgendwen Rücksicht nimmt? Und viel zu oft falsche Rücksicht nimmt? Rücksicht, die einen davon abhält, seine Lebensziele zu erreichen, nur weil sie nicht der im Verwandten- und Freundeskreis geltenden Normen entsprechen. Rücksicht, die niemandem etwas hilft? Es gäbe so viel, das man erreichen kann, wenn man damit aufhören würde. Und manchmal denke ich, dass ich der größte Vorweghinker bin, den es so gibt.
yvseit - 11. Mai, 17:53